(Mangelnde)

Attraktivität des ÖPNV

in Wiesbaden

Meinung von Joachim Binder

Traffic Jam

Einleitung

Es gibt wohl kaum jemanden, der mit der Verkehrssituation in Wiesbaden zufrieden ist und keine Veränderungen will. Sicherlich werden die meisten Bürger zustimmen, dass die Luftverschmutzung deutlich abnehmen, der Autoverkehr staufreier laufen und der öffentliche Personennahverkehr attraktiver werden müsste.

Wiesbaden hat ein Problem mit hoher Schadstoffbelastung der Luft. Bisher wurden von Gerichten noch keine Fahrverbote verhängt, weil die Stadt ein Konzept zur Verringerung der Umweltbelastung vorgelegt hat. Darin spielen die Verlagerung des Individual-Verkehrs auf den der ÖPNV mit Elektro-Bussen und der Citybahn eine wichtige Rolle.

Bisher wurden diese Ziele neben Ankündigungen und Planungen konkret so umgesetzt, dass man

Autofahren durch die Einschränkung von Fahrspuren, die Reduzierung von Parkplätzen und die Erhöhung der Parkgebühren immer unattraktiver gemacht hat, um auf diese Weise mehr Personen vom Auto weg und in die Busse zu bekommen. Flankiert wurde dieses Konzept durch Einrichtung von Busspuren und der Markierung von Radwegen.

Einen durchschlagenden Erfolg konnte man damit noch nicht verbuchen. In den vergangenen 9 Jahren ist das Fahrgastaufkommen bei ESWE Verkehr zwar um etwa 20 % gestiegen, aber das ist durch die gleichzeitige Zunahme der Bevölkerung um ca. 10% nur ein kleiner Erfolg.

 

Das bedeutet, dass diese Maßnahmen eigentlich kontraproduktiv waren: Man hat schlechter laufenden Verkehr und damit mehr Abgase geschaffen, aber den ÖPNV nicht verbessert.

In diesem Jahr sinkt die Zahl der Fahrgäste sicherlich durch die Corona-Pandemie und wahrscheinlich wird auch längerfristig das alte Niveau nicht erreicht, da durch vermehrte Arbeit im Home-Office und weniger persönliche Termine, das Fahrgastaufkommen geringer wird. Andererseits wird durch den nötigen Abstand in den Bussen auch deren Kapazität geringer.

Bei der Kapazitätsbetrachtung sollte auch das veränderte Kaufverhalten berücksichtigt werden. Die Wiesbadener Innenstadt ist nicht mehr so attraktiv wie früher und viele Leute kaufen in den Einkaufszentren am Stadtrand oder im Main-Taunus-Zentrum ein, wo sie jeweils kostenlose Parkplätze finden oder sie fahren wegen des besseren Angebots sogar nach Frankfurt. Dieser Verlust an Attraktivität sollte den Stadtplanern und Hausbesitzern in den Fußgängerzonen zu denken geben. Wenn kein Geld mehr in die Stadt fließt, ergibt sich eine Abwärtsspirale aus immer weniger Geschäften, Leerständen und niedrigeren Mieten und letzten Endes weniger Transportbedarf.

Warum steigen nicht mehr Leute vom PKW in den ÖPNV um?

Sportwagen

Vorteile privater Autos

Betrachten wir zunächst die Vorteile des eigenen Autos:

  • Abfahrt zu jedem gewünschten Zeitpunkt ohne Wartezeit und ohne Fußweg möglich.

  • Fahrzeit trotz Verkehr und Staus in der Regel kalkulierbar und geringer als die Busfahrzeit.

  • Bequeme, sitzende und leise Fahrt ohne von vielen, eventuell unangenehmen, Mitfahrern gestört zu werden.

  • Umsteigen mit erneuter Wartezeit nicht nötig.

  • Bei Regen keine Wartezeiten im Freien.

  • Größere Einkäufe und Gepäckstücke können problemlos mitgenommen werden.

  • Kosten für Parken vergleichbar mit Kosten für Busfahrkarten.

Zusammengefasst:

Schneller und komfortabler, bei vergleichbaren Kosten (denn das Auto mit seinen Grundkosten ist sowieso da).

Wie kann man den ÖPNV so attraktiv machen, dass tatsächlich viele Leute ihr Auto stehen lassen?

ESWE Bus.jpg

Nachteile

des Busverkehrs

Welche Nachteile hat der Busverkehr?

  • Alle als Vorteile des Privatwagens aufgeführten Punkte können hier negiert aufgelistet  werden.

 

Außerdem aus der Sicht eines sporadischen aber testwilligen Nutzers:

  • Man muss sich erst mit dem Netzplan vertraut machen, um die richtigen Linien zu finden oder mit der entsprechenden App.

  • Das Bezahlsystem ist nicht an den üblichen Bezahlstandard (Kredit- bzw. Bank-Karte mit NFC im Bus) angepasst.

  • Abends bzw. sonntags gibt es lange Wartezeiten bis zum nächsten Bus.

  • Kein Sitzplatz, wenn größeres Gepäck oder ein Koffer mitgeführt wird.

Zusammengefasst:

Schwieriger, langsamer, unkomfortabler, bei Regen unangenehm, mit vergleichbaren Kosten.

Kann man den ÖPNV überhaupt soweit verbessern, dass er mit dem privaten Auto konkurrieren kann?

Ich glaube, dass das weder mit Bussen noch mit der Citybahn möglich ist.

Wie kann man trotzdem erreichen, dass dennoch viele Leute ihr Auto stehen lassen und zum ÖPNV wechseln?

Coach Flotte

Kurze oder kürzere Gesamtfahrzeit

  • Der Weg zur Haltestelle darf 5 Minuten (350-500 m) nicht übersteigen (entspricht beim eigenen Auto dem Weg aktueller Standort -> Parkplatz)

  • Die Wartezeit bis zum Einsteigen darf 5 Minuten nicht übersteigen.

  • Die Zahl der nötigen Umstiege muss gering bleiben. 

  • Die Fahrzeit müsste der Fahrzeit des Autos plus der Parkplatzsuche entsprechen.

  • Der Weg von der Zielhaltestelle bis zum eigentlichen Ziel darf 5 Minuten ((350-500 m) nicht übersteigen (entspricht beim eigenen Auto dem Weg Parkplatz -> Ziel)

 

Guter Komfort

  • Der ÖPNV muss einen komfortablen, ausreichend großen Sitzplatz bieten. Überfüllte Fahrzeuge müssen durch schnellere Taktung verhindert werden.

  • Der Wagen muss klimatisiert sein.

  • Bei längeren Strecken muss WLAN angeboten werden.

  • Die Anzahl der nötigen Umstiege bis zum Ziel, darf aus Gründen des Komforts, der Fahrzeit und auch wegen der Gefahr, den Anschluss nicht zu erreichen, im Normalfall 1 und nur bei weit abgelegen Zielen 2 betragen.

Geringe Kosten

  • Die Kosten dürfen kein Hinderungsgrund sein, da ja beim PKW nur die Betriebskosten und die Parkgebühren gerechnet werden, nicht die Gesamtkosten, da der PKW aus anderen Gründen sowieso finanziert wird.

  • Das bedeutet am besten keine Kosten, wie in Luxemburg oder eine maximal 365 € teure elektronisch lesbare Jahreskarte. Für Leute, die absehbar wenig fahren, könnte eine elektronisch lesbare Karte eingesetzt werden, mit der monatlich nachträglich die Kosten für die getätigten Fahrten vom Bankkonto abgebucht werden. 

Weitere Punkte

  • Bezahlmöglichkeit mit Scheck- bzw. Kreditkarte im Bus per NFC.

  • Saubere Elektro-Busse, damit der Umstieg unter Umweltgesichtspunkten dem Nutzer sinnvoll erscheint.

  • Überdachte, ausreichend große Haltestellen.

Geht man davon aus, dass die Forderung nach einer Gesamt-Beförderungszeit, die mit dem PKW vergleichbar ist, durch fehlende Haltestellen, zu lange Taktzeiten usw. nicht realisierbar ist, dann könnte eine Kombinationslösung aus e-Scooter und ÖPNV helfen.

Der e-Scooter bietet sich dafür an, da man ihn am aktuellen Aufenthaltsort direkt übernehmen kann und am Ziel wieder abstellen kann. Er würde nur bis zur Einstiegshaltestelle genutzt und könnte dort abgestellt werden. An der Zielhaltestelle nimmt man wieder einen e-Scooter und fährt damit bis zu seinem Ziel. Damit das Konzept aufgeht, ist es wichtig, dass an allen Haltestellen immer eine ausreichend Zahl von e-Scootern verfügbar ist.

Miet-Fahrräder haben den Nachteil, dass sie von einer Station abgeholt und wieder zu einer Station gebracht werden müssen. Selbst wenn man alle Haltestellen mit Stationen für Mieträder ausbaut, wäre am Fahrtziel eventuell keine Station in der Nähe.

Mit der Verwendung von eigenen Fahrrädern als Zubringer zur/von der ÖPNV-Haltestelle entsteht die Notwendigkeit, dass diese im Fahrzeug mitgeführt werden müssen und entsprechend viel Platz vorhanden sein muss, wenn viele Leute sich auf dieses Konzept einlassen. Außerdem müssen am Ziel sichere Aufbewahrungsmöglichkeiten vorhanden sein.  Deshalb würde ich die Fahrradmitnahme-Möglichkeit nicht ausbauen, sondern auf e-Sccoter verweisen. Für Leute, die ständig den ÖPNV mit dem eigenen Rad nutzen wollen, sind Klappräder eine Alternative.

e-Sccoter und Fahrräder sind wetterabhängig und die Mitführung von Gepäck ist beschränkt. Allerdings sind Gepäck und größere bzw. schwere Einkäufe ein generelles Hemmnis für den Umstieg in den ÖPNV. e-Scooter als Zubringer werden nur bis zu einem gewissen Alter akzeptiert. Für ältere und alte Menschen muss man ein anderes Konzept finden. Außerdem ist die Unfallgefahr nicht unerheblich.

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Fazit

Der ÖPNV wird nicht alle Transportbedürfnisse aller Bürger in allen Stadteilen und zu allen Zeiten befriedigen können.

Viele der beschriebenen Nachteile des ÖPNV lassen sich verbessern. Allerdings lassen sich höhere Taktraten um überfüllte Fahrzeuge zu vermeiden und mehr Verbindungen in die Randgebiete zu Randzeiten nur mit erheblichen zusätzlichen Kosten realisieren.

Andere privatwirtschaftliche Angebote könnten hier sinnvoller sein (s. CarSharing und RideSharing im Konzept von Dipl.-Ing. Joachim Binder).

In Kombination mit anderen Verkehrsmitteln als Zubringer kann aber eine deutlich bessere Erreichbarkeit und Nutzungsrate erreicht werden. S. auch Konzept von Dr.-Ing. Lothar Döllinger und Konzept von Dipl.-Ing. Heiko Trapp).

Wie in diesem Text erläutert, lassen sich die Nachteile des ÖPNV gegenüber privaten PKWs weder mit Bussen noch mit der Citybahn beheben. 

Eine signifikante Reduzierung des Individualverkehrs  lässt sich erreichen, wenn man für die verschiedenen Reise-Wünsche und -Anforderungen unterschiedliche Verkehrsmittel anbietet. Der ÖPNV ist eine wesentliche Säule dieses Konzepts, aber nicht die alleinige.(s. dazu auch Konzept von Dipl.-Ing. Joachim Binder).