Radfahren in Wiesbaden

Meinung von Joachim Binder

1. WIESBADEN als FAHRRADSTADT

Wiesbaden hat nicht die idealen Voraussetzungen für eine Fahrrad-Stadt - wie Amsterdam, Kopenhagen, Freiburg oder Konstanz - da es in vielen Teilen hügelig und eng bebaut ist.

 

Außerdem erlaubt es die Wetterlage in Deutschland Leuten, die anschließend in sauberen Kleidern im Büro oder einem Geschäft arbeiten müssen, nur während zwei Drittel des Jahres mit dem Rad zu fahren.

Will man Radfahren trotzdem zu einer viel benutzten Form der Mobilität machen, muss man andere Voraussetzungen schaffen:

2. SICHERHEIT

Ich bin passionierter Radfahrer. In den vergangenen 1 - 2 Jahren wurden eine Reihe von Radwegen in Wiesbaden angelegt, erweitert und geändert. Das Ergebnis dieser Maßnahmen beschreibe ich mit konzeptlos, fehlerhaft geplant und gefährlich.

Ein ganz negatives Beispiel ist für mich die Abbiegung vom ersten Ring in die Straße „Am Landeshaus“. Für Autofahrer und Busfahrer, die abbiegen wollen, ist es – je nach Sonnenstand - sehr schwierig, auf der Radspur relativ schnell bergab ankommende Radfahrer zu sehen und ihnen die Vorfahrt zu gewähren. Die ersten Unfälle hat es bereits gegeben. Ich frage mich, wie man eine derartige Straßenführung planen kann? Wenn der erste Radfahrer schwer verletzt oder tödlich verunglückt ist, wird der Autofahrer als Schuldiger an den Pranger gestellt. Was ist mit dem Planer, der sich diese Straßenführung ausgedacht hat? Ich habe wirklich den Eindruck, dass in Wiesbaden ein „Religionskrieg“ geführt wird, mit dem Ziel, das Autofahren so unattraktiv und schwierig wie möglich zu machen.

Wenn ich in der Stadt Rad fahre, möchte ich ein sicheres Gefühl haben. Ich möchte nicht durch rechts abbiegende LKWs zur Seite gedrückt und umgefahren werden (wie an der Einbiegung 1. Ring zur Friedrich-Ebert-Allee passiert). Ich möchte nicht auf der Busspur von einem großen Bus mit minimalen Abstand überholt werden, Ich möchte auch nicht vom Radweg runter auf die Autospur wechseln müssen, weil ein Transporter auf dem Radweg anhält. Und ich möchte nicht nach wenigen Metern Radweg wieder auf die Autofahrbahn geleitet werden, weil der Radweg plötzlich aufhört. Keinen Spaß machen außerdem die Bordsteine an Kreuzungen, über die man ständig runter und wieder rauf auf den Radweg hüpfen muss und die Belag-Qualität mancher Radwege, denn nicht jeder fährt mit einem vollgefederten Rad.

Es ist nicht damit getan, einen langen Strich auf den Asphalt zu malen und schon hat man einen Radweg. Oder ein paar stilisierte Fahrräder auf die Straße zu sprühen und schon ist ein Pop-up-Radweg entstanden.

Die Radwege, die kürzlich auf der Äppelallee (und an anderen Straßen) auf beiden Seiten eingezeichnet wurden, und die es explizit erlauben, in beide Fahrtrichtungen zu fahren, sind ein Sicherheitsrisiko, da die anderen Verkehrsteilnehmer nicht damit rechnen, dass ein Radfahrer aus der "falschen" Richtung kreuzt.

Sie wären besser auf eine Seite verlegt und zumindest mit einem hochstehenden Randstein oder besser noch mit einer Leitplanke von der Fahrbahn abgetrennt worden. Damit würde verhindert, dass Autofahrer auf dem Radweg halten oder parken und die Radfahrer wären vor plötzlich ausweichenden Autofahrern sicher, und wesentlich unfallgeschützter unterwegs. Ein ganz falsches Zeichen setzen für mich auch die Radwege, die entgegen der Einbahnstraße laufen. Leider fahren nicht wenige Radfahrer ohne sich an Verkehrsregeln zu halten. Sie sind klein und wendig, überqueren Ampeln in jeder für sie passenden Richtung und zwängen sich im Verkehr dazwischen, weil absteigen uncool ist. Entgegen der Einbahnstraße macht dieses Gefühl „als Radfahrer kann ich alles machen“ nur noch größer. 

An dieser Stelle möchte ich auch an die Radfahrer appellieren, mit Helm oder Rad-Airbag zu fahren, und auch tagsüber sowohl ein Tagfahrlicht als auch ein Rücklicht - möglichst mit Bremslicht - zu benutzen. Wir leben nicht mehr in Zeiten von Dynamos, bei denen die Benutzung von Lampen das Treten stark erschwerte. Bei LED-Lichtern ist die Lichtausbeute sehr gut und der Akku hält mehrere Stunden durch.

An Kreuzungen müssen die Radfahrer eine eigene Ampelanlage bekommen, so dass sie früher als die Autos losfahren können. Bei gleichzeitigem Start entsteht das hohe Risiko, dass ein geradeaus fahrender Radfahrer von einem rechts abbiegenden Auto oder LKW übersehen und erfasst wird.

Beim Thema Verkehrssicherheit spielen auch die Schienen der geplanten Citybahn eine negative Rolle, zumindest an den Stellen, wo sie niveaugleich mit der Straße verlaufen. Straßenbahnschienen sind für Radfahrer eine große Gefahr. Wer hinein gerät, hat kaum eine Chance, ohne Sturz wieder raus zu kommen.

3. RADSTRASSEN

Richtig wäre es, eine vom Verkehr abgetrennte, 2,20 - 2,50 m breite Fahrbahn zu schaffen, auf der Radfahrer in beide Richtungen fahren können (siehe Amsterdam, Kopenhagen und in unserer Nähe der Radweg zwischen Wiesbaden-Schierstein und Walluf). Die innerstädtischen Radwege müssen allerdings nicht so breit wie dort sein.

Ich bin der Ansicht, dass nicht in jeder Straße Rad gefahren werden muss, zumindest nicht über größere Distanzen. Entsprechend muss es nicht in jeder Straße einen Radweg geben. Vielmehr sollte meines Erachtens der Verkehr entzerrt werden. Es gibt eine Reihe von Straßen, die unweit voneinander parallel verlaufen. Dort könnte man eine Straße „nur“ für Autos vorsehen und die parallellaufende Straße „nur“ für Fahrräder, „Nur“ bedeutet: Anliegerverkehr jeweils ausgenommen. Möglich wäre das z.B. für die Taunusstraße und Nerostraße, Bahnhofstraße und Adolfsallee und vielen anderen Straßen.

In einigen Straßen (z.B. der Bahnhofstraße) wäre durch Verlegung des Radwegs hinter den Parkstreifen statt davor eine sehr deutliche Abtrennung vom Autoverkehr möglich gewesen.

4. INFRASTRUKTUR

Der zweite wichtige Punkt ist die weitere Infrastruktur in der Stadt:

Was mache ich mit meinem teuren Rad oder E-Bike, wenn ich am Ziel angekommen bin und z.B. in der Fußgängerzone in ein Geschäft gehen will oder an einer anderen Straße zu einem Handwerker?

Es fehlen geschlossene, abschließbare Fahrradboxen an zentralen Plätzen und in sinnvollen Abständen in den Straßen, in denen Räder einfach einzustellen und diebstahlsicher untergebracht sind. Diebstahlsicher bedeutet nicht nur, dass das gesamte Rad nicht entwendet werden kann, sondern auch Zubehörteile wie Lampen, Sättel, GPS-Navis, Vorderräder usw., die teilweise sehr teuer und deshalb begehrtes Diebesgut sind. Auch Vandalismus ist ein Thema, das man am Straßenrand immer wieder in Form von angeketteten, aber kaputten Rädern beobachten kann. Aus diesem Grund müssen es rundum geschlossene, abschließbare Boxen sein. Und um die Investition zu finanzieren und den Wert klar zu machen, darf das Abstellen in der Box auch 50 Cent kosten.

Ein weiterer Punkt sind größere überdachte Haltestellen. Wenn ein Radler vom Regen überrascht wird, möchte er sich unterstellen, den Regen abwarten oder mit seinem Rad im ÖPNV weiterfahren. Wenn es nur eine kleine Haltestelle mit einem Dach für 3 Sitzplätze gibt, die bei Regen voraussichtlich von Fußgängern bereits belegt sind, muss der Radler draußen im Regen stehen bleiben.

 

Bei der Größe sollte man auch an die immer beliebter werdenden Lastenfahrräder und die Radanhänger für Kinder oder Gepäck denken.

Die Mitnahme von Rädern im ÖPNV ist ein wesentlicher Punkt um dessen Attraktivität zu erhöhen sowohl bei schlechten Wetter als auch bei der Überwindung von größeren Entfernungen oder steilen Streckenabschnitten (s, Attraktivität des ÖPNV)​. Neben den natürlich ebenfalls nötigen Abstellplätzen für Kinderwagen und Rollator müssen im ÖPNV viel mehr Plätze für die Mitnahme von Rädern geschaffen werden. Dazu sollte im Fahrzeug gegenüber einem Eingang entlang der Fahrzeugseite statt Fenster eine Möglichkeit geschaffen werden, um Räder hochkant zu befestigen und so den zur Verfügung stehen Platz gut auszunutzen.